Gastbeitrag von Gabriele Mayer: Die Kunstsammlung der Sparkasse Regensburg und die ostbayerische Kunst

von Elke Pitzl am in Inspirieren ist einfachKommentieren

Inspirieren ist einfach (Glühbirne)_weißGabriele Mayer ist Journalistin. Sie schreibt für die Mittelbayerische Zeitung und für andere, überregionale Medien über Bildende Kunst, Film, Theater und Literatur. Mit ihrer Tätigkeit als Kunstkritikerin versteht sie sich auch als Kunstvermittlerin. Nicht das schnelle Verreißen oder Hochjubeln steht im Vordergrund, wichtig sind die Analyse, die differenzierte Interpretation und Argumentation, und damit die Anregung zum öffentlichen Diskurs. Denn Kunst, sofern sie etwas taugt, ist nicht nur voraussetzungsreich, sie gehört zu den anspruchsvollsten und interessantesten Äußerungen des Menschen, sie ist das Medium, mit dem er auf individuellste und kleinteiligste Art seinen Geist und sein Leben immer wieder neu bespiegelt. Ihr sensibles Wissen bringt Gabriele Mayer im Kunstbeirat der Sparkasse ein. Anlässlich der aktuellen Ausstellung „Einblicke 2 – 20 Jahre Kunstsammlung der Sparkasse Regensburg“ ordnet sie die Sparkassen-Sammlung in den Kontext der ostbayerischen Kunst ein.

 

Liebe Leser,

seit 20 Jahren sammelt die Sparkasse Regensburg aktuelle ostbayerische Kunst. Spezialisiert hat sie sich auf Papierarbeiten. Mit circa 1400 Exponaten von 200 Künstlerinnen und Künstlern verfügt sie über die größte Unternehmens-Kunstsammlung Ostbayerns, von der sich durchaus sagen lässt, dass sie repräsentativ ist für die ostbayerische Gegenwartskunst. Bisher liegt keine Gesamtdarstellung der jüngsten Geschichte der ostbayerischen Kunst vor. Dabei ist sie mit ihren zahlreichen Vertretern, die zumeist im Berufsverband Bildender Künstler Niederbayern/Oberpfalz organisiert sind, von beachtlicher Qualität. Künstlerischer Ausdruck ist individuell und Kunstwerke sind nie streng einer Richtung unterzuordnen. Dennoch kann man übergreifende Tendenzen feststellen. Und wenn man diese großen Linien und Schwerpunkte ins Auge fasst, dann zeigt die neuere ostbayerische Kunst ein bestimmtes Gesicht, eine besondere Ausstrahlung, etwas Unverwechselbares.

Die ostbayerische Gegenwartskunst und ihr Umfeld

Die Lebenswelt und die Traditionen einer Zeit und einer Umgebung prägen die Kunst, die sich unter diesen Voraussetzungen bildet. In Ostbayern stehen auch heute noch die Natur und das Ländliche im Vordergrund. Über Jahrhunderte wurde das überwiegend bäuerliche Leben in der abgelegenen Region von einem nicht besonders lieblichem Klima und von oft kargen Böden bestimmt, dazu von Härte und Armut, von schwerer Arbeit, vom Umgang mit Tieren, von den Äckern und von viel Wald. Die Bewohner und ihre Psyche sind in dieser Natur verwurzelt. Das Untergründige, das quasi Beseelte, Unberechenbare und Abgründige und selbst das Bedächtige dieser Natur, – zu der auch der Mensch gehört -, leben in den Künstlern der ostbayerischen Region. Sie drücken sich aus in genauer Wahrnehmung der natürlichen Erscheinungen, in einer Sensibilität für das Raue, Widerständige, für das Ungefällige, Triebhafte und Eruptive, und für Ängste, die in Ritualen und im Geheimnisvollen versinnbildlicht wurden und werden. Das bestimmte schon das Werk Adalbert Stifters, das erhielt bei dem Geisterseher Alfred Kubin seine besondere zeichnerische Gestalt, und später in den 1960er Jahren bei der Künstlergruppe SPUR seinen avantgardistischen malerischen Ausdruck. Ihr Wirken ist ein Höhepunkt einer in Ostbayern verankerten Kunst. Die SPUR verstand sich als Dépendence der Künstlergruppe COBRA, die zum Umfeld der Pariser Situationisten gehörte. Sie gab sich politisch, aktivistisch und ihre Kunst war vor allem eines: expressiv. Das Krude, die unbewusst wirkenden Tiefenkräfte, das wild Hervorbrechende, auch das Nicht-Vereinnahmbare und Naturhafte im Menschen fanden dort einen neuen, beeindruckenden künstlerischen Ausdruck.

Tendenzen ostbayerischer Kunst in Stil und Motivwahl

Auf die Künstlergruppe SPUR beziehen sich ausdrücklich oder implizit bis heute zahlreiche ostbayerische Kunstschaffende, wenn auch in aufgelockerter und individuell variierter Form, und ohne den damaligen politischen Anspruch. Besonders im Stil vieler ostbayerischer Künstlerinnen und Künstler, im kräftigen, absichtlich groben, expressiven und zerrissenen Duktus und Ton, der im Detail sehr komplex und zart sein kann, tritt dieser Bezug hervor.

Bei den Bild-Motiven der Malerei steht häufig der Mensch im Zentrum, nicht der versierte Großstädter, nicht der politische Mensch oder das Zeitgeist-Individuum, sondern der Mensch in seiner Kreatürlichkeit: Immer wieder werden in vielen verschiedenen künstlerischen Ausprägungen das Ungelenke, auch das Böse, unterschwellig Tierhafte und Unangepasste, und vor allem die Versehrtheit und innere Gespaltenheit des Menschen zum Ausdruck gebracht. Das tritt auch im Genre der Zeichnung hervor, die spröder ist als die Malerei. Auch sie betont, etwa im Rückgriff auf die karikaturhafte Verzerrung und in hintergründiger Weise, das Unkonforme, Normen-Überschreitende, De-Formierte und Existentielle.

Ein weiteres vorherrschendes Bild-Motiv innerhalb der ostbayerischen Kunst ist die Natur-Landschaft, auch wenn sie noch so künstlerisch abstrahiert und fragmentiert erscheint. Sogar bei der zahlreich vorhandenen ungegenständlichen Malerei und Graphik assoziiert man eher Bild-Landschaften als etwas anderes.

Und wenn es nicht primär um die malerische oder zeichnerische Darstellung geht, sondern wenn in künstlerischen Werken die Dinge selbst in ihrer Materialität die Hauptrolle spielen, werden bevorzugt Materialien und Fundstücke mit einem Bezug zur Natur bzw. aus bäuerlicher und handwerklicher Herkunft installiert.

In einem auffallenden Gegensatz dazu steht die Konkrete Kunst in der Region. Diese dezidiert emotionsfreie Malerei (und Zeichnung) ist im ostbayerischen Raum häufiger vertreten als manch andere Richtungen, wie etwa Pop-Art oder eine ausdrücklich politische Kunst. Einen Einfluss mag das Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt haben und vor allem der seit Jahrzehnten unermüdliche Kommunikator der Konkreten Kunst Eugen Gomringer, der von Rehau aus tätig ist. Die Konkrete Kunst will weder eine äußere noch eine innere Welt darstellen, es geht ihr vielmehr allein darum, die Grundelemente der Malerei selbst: Farbe, Fläche und (geometrische) Form immer wieder experimentierend neu zu reflektieren und auszuloten. Diese ungegenständliche, äußerst präzise und gefühlsabgehobene Kunst bildet ein schönes Gegengewicht und erscheint geradezu wie das Pendant zu den genannten stilistischen und motivischen Schwerpunkten der ostbayerischen Gegenwartskunst.

Mit freundlichem Gruß,

Gabriele Mayer

Mitglied des Kunstbeirats der Sparkkasse Regensburg

(c) Fotografie: Rainer Fleischmann auf der Vernissage der Sparkasse Regensburg 2015

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