KUNSTAUSSTELLUNG 2016: RÄUME – Bemerkungen von Gabriele Mayer

von Fabian Lutz am in Inspirieren ist einfachKommentieren

SPARKASSE KUNST: Es ist wieder soweit. Zum 26. Mal präsentiert die Sparkasse Regensburg eine Ausstellung in ihrer Zentrale in der Lilienthalstrasse. Thema ist dieses Jahr: „Räume“. Gezeigt werden Malerei, Zeichnung, Druckgrafik und Fotografie von fünf Künstlerinnen und Künstlern aus der Region: von Jürgen Bergbauer, Georg Fuchssteiner, Christina Kirchinger, Eveline Kooijman und Erika Wakayama. Der Ausstellungsbeginn ist der 27. Oktober. Wir haben Gabriele Mayer, ihres Zeichens Kunstkritikerin und Mitglied des Kunstbeirats der Sparkasse Regensburg, im Vorfeld der Ausstellung zu einem Gastbeitrag gebeten. Was hat es mit den Räumen un der Kunst auf sich? Und was haben uns die gezeigten Künstler dazu zu sagen?

 

Räume in der Fläche

Räumlichkeit erleben wir überall, ohne Raum können wir uns die Welt nicht vorstellen. Aber welche verschiedenen Auffassungen von Räumlichkeit gibt es? Und wie gelangt der Raum in die Fläche eines Bildes? Wie kann man die Dreidimensionalität der Welt, die man darstellen will, in die Zweidimensionalität des Bildes transformieren? Die Lösungen der Kunst sind unterschiedlich. Am vertrautesten ist uns die Methode, die in der Renaissance zur Hochform kam: die geometrische Perspektivität und speziell die Zentralperspektive. Doch spätere Künstler haben sie wieder aufgegeben oder radikal modifiziert, und zugleich haben sie unsere Raumvorstellungen in vielerlei Hinsicht bildlich erweitert. So kann beispielsweise nicht nur ein einziger Blickpunkt, sondern können mehrere Blickpunkte der Ausgangspunkt für die Darstellung eines bestimmten Gegenstandes auf einer Bildfläche sein, wie z.B. bei zahlreichen Porträts von Picasso. Oder: Orte und Schauplätze, die geographisch oder zeitlich weit voneinander entfernt sind, werden auf einem einzigen Bild, etwa der Collage, zusammengefasst. Oder. In der mittelalterlichen und zeitgenössischen Kunst wird mitunter nicht das im Vordergrund Stehende, sondern das Wichtigere größer dargestellt, auch wenn es sich im Hintergrund befindet. Der Raum, den solch ein Bild zeigt, wird dann nicht nur als ein physikalischer, sondern auch als ein symbolischer Raum aufgefasst. Darüber hinaus gibt es etliche andere erweiterte Raumvorstellungen, so reden wir z.B. ganz selbstverständlich von Zeit-Räumen oder vom Chat-Room. Das Thema „Räume“ ist in dieser Ausstellung nicht allein im engen Sinn physikalischer Innen- oder Außenräume zu verstehen. Vielmehr geht es um unterschiedliche Aspekte und Auffassungen des Begriffs Raum und um verschiedene bildliche Darstellungsweisen, die dem Betrachter ermöglichen, besondere Raum- und Bild-Erfahrungen zu machen.

 

kirchinger

 

Der physikalische Raum und das Spiel mit der Perspektive:  Christina Kirchinger

Zunächst aber geht es um den physikalischen Raum, in dem wir uns alle bewegen, den wir uns gar nicht wegdenken können, und es geht um die uns selbstverständlich erscheinende Lösung, ihn in die Fläche zu bannen: um die Perspektivität. Christina Kirchinger ist eine Meisterin der Radierung, die zur Zeit der Renaissance entwickelt wurde. Sie zeichnet Räume, genauer, beinahe leere Räume, jedenfalls hat man den Eindruck, dass ihre Bilder weniger von dem handeln, was sich in Räumen befindet und abspielt, sondern dass es grundlegend um die Räumlichkeit selbst und ihre bildhafte Erkundung geht: Linien, Flächen, unterschiedliche Grau-Schattierungen spielen eine zentrale Rolle. Deren komplexe Zuordnung scheint bei dieser Künstlerin auf den ersten Blick zwar den Regeln der Perspektivität zu folgen, durch die unsere Illusion von geometrischer Räumlichkeit im Bild erzeugt wird. Doch bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass diese Regeln stellenweise absichtsvoll gestört und unterbrochen werden. Wir sind irritiert. Erstaunlicherweise aber können wir auf einmal genau an diesen Stellen die reine Flächigkeit wahrnehmen, statt der Illusion von Räumlichkeit im flachen Bild aufzusitzen. Unsere Sicht auf das Bild kippt sozusagen, oder wird unruhig und kreativ, und wird an manchen Stellen von der Suggestion Räumlichkeit befreit. Außerordentlich reizvoll wirkt dieses de-konstruierende Spiel mit dem Schema Perspektivität.

 

fuchssteiner

 

Imaginäre Räume:  Georg Fuchssteiner

Viel Farbe gibt es bei Georg Fuchssteiner. Aber kein physikalischer Raum wird damit dargestellt. Und das Gegenständliche und Figürliche, das man auf diesen Bildern da und dort entdeckt, zeigt sich höchstens fetzenweise oder halb verborgen. Viel deutlicher sieht man Ungegenständliches: Farben, Formen, Linien, die ineinander greifen. Das alles wirkt differenziert und untergründig, geheimnisvoll und auf unnennbare Weise strukturiert und bedeutsam. Welten öffnen sich, freilich nicht die sichtbare äußere Wirklichkeit oder gar eine perspektivisch gestaltete Wirklichkeit, sondern innere Welten kommen hier zum Ausdruck, und im Betrachter entstehen unmittelbare Assoziations- und Gefühls-Räume, ausufernde Räume sozusagen, über Orte und Zeiten hinweg springend. Raum, das ist hier schon lange nicht mehr der physikalische Raum, sondern der Imaginations-Raum.

 

kooijman

 

Zeit-Räume:  Eveline Kooijman

In einer von Eveline Kooijmans wichtigsten Foto-Serien geht es um bayerische Landschaften, sanfte Wiesen, Felder, Wälder. Doch was sie zeigt, sind ehemalige Schachtfelder, dort wurde einst gekämpft: Zeit-Räume tun sich unversehens auf.

In anderer Weise geschieht das auch bei ihrer Foto-Serie „Orangerien“, die in der Ausstellung der Sparkasse zu sehen ist. Die Künstlerin hat riesige exotische Pflanzen in den altertümlichen Glas-Architekturen von Orangerien fotografiert: Zeit-Räume. Wir sehen überbordende Bäume mit großen Blättern und sich schlingende Sträucher, die sich offensichtlich seit langer Zeit entwickelt haben und wachsen, die mit ihrer Größe ihre lange Vergangenheit sichtbar vor sich hertragen, sie existieren auch in der Gegenwart, in der sie fotografiert wurden, und weiter wachsend reichen sie bis in die Zukunft hinein. Zu diesem übergreifenden Zeitraum-Effekt trägt auch der ausgeblichen wirkende, aber dennoch satte Farbton bei, der durch ein sehr altes Fotografieverfahren entsteht, das es in der Vergangenheit gab, das aber heute nahezu in Vergessenheit geraten ist. Die Künstlerin hat es mit ihren Fotos zu neuem Leben erweckt.

 

bergbauer

 

Der Raum der Dinge und Raum-Ensembles:  Jürgen Bergbauer

Auch Jürgen Bergbauer ist Fotograf. Bei einigen seiner Foto-Serien wird die Vorstellung von Raum allein durch die Darstellung eines Gegenstands bzw. einer Ballung von Gegenständen, z. B. groben Steinen, auf der ansonsten leeren Bildfläche ohne Hintergrund erzeugt. Man gewinnt den Eindruck, dass der dargestellte Gegenstand in einem Raum schwebt bzw. durch seine Massivität und perspektivische Darstellung einen eigenen Raum erzeugt.

Räume sind gemeinhin in anderen Räumen angesiedelt, z.B. Innenräume in Außenräumen. Auch bei Jürgen Bergbauer geht es in einer weiteren Foto-Serie um die Vervielfältigung des Raums, um Räume in Räumen. Der Künstler stellt Ensembles von, mit vielerlei Dingen bestückten, Raum-Ausschnitten dar, die ineinander verschachtelt sind, und setzt solche Kombinationen sogar über mehrere Einzelfotos hinweg fort. „Wolken“ nennt er sie. Viele verschiedene topographische, historische, kulturelle und imaginäre Räume gehen in den Bildern auf diese Weise ineinander über und „diskutieren“ miteinander.

 

wakayama

 

Die Transparenz des Raums:  Erika Wakayama

Mit den Werken von Erika Wakayama kommen wir zum Raum zurück, in dem wir uns alle befinden. Räumlichkeit gehört zwar immer und notwendig zu unserem Leben. Aber den Raum erleben wir als etwas Ungreifbares und Flüchtiges, wir gehen durch ihn hindurch. Dieses Sphärische des Raums bringt die Künstlerin in ihren großformatigen Bild-Kompositionen zur Geltung. Sie verwendet sehr helle, beinahe transparente Farben, und durch den dünnen, schraffierenden Strich steigert sie den Eindruck der Transparenz noch. Die Farbflächen, die sie schafft, wirken körperlos, haltlos, und wie wegdriftend und ineinander übergehend. Diese Papier-Arbeiten stellen einen farbig vibrierenden Bild-Raum dar, und zwar auf eine Weise, die durchlässig und ungreifbar wirkt. Darüber hinaus sind diese lose hängenden Papierblätter aber tatsächliche raumbildende Objekte, denn indem sie sich unten aufrollen, bekommen sie Volumen, tendieren in die Umgebung hinein, und schaffen einen eigenen Um-Raum. Die Aufgerolltheit des Papiers verschließt aber auch bestimmte Teile dieser Bilder vor den Betrachtern und bringt auf diese Weise zum Ausdruck, dass ein Raum zwar überall ist, wir aber nie Einblick in den gesamten Raum haben.

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