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Aktuelles Börsengespräch: Matthias Schmidl zur Lage an den Finanzmärkten

Seit unserem letzten Börsengespräch im Januar hat der DAX eine echte Rallye hingelegt und pendelt im Augenblick mit einem sagenhaften Plus von 2.000 Punkten um die 12.000. Die große Geldschwemme der EZB hat in Kombination mit der andauernden Niedrigzinsphase die Fantasien der Anleger befeuert. Der niedrige Ölpreis und der zum Dollar sehr billige Euro wirken in Deutschland wie ein gewaltiges Konjunkturpaket: Der ifo-Geschäftsklimaindex liegt im März deutlich über den prognostizierten Erwartungen bei 107,9 Punkten. Es scheint fast, als könnten alle Krisen der Welt den allgemeinen Aufwärtstrend bei Wertpapieren nicht brechen. Oder kommt bald das dicke Ende? Genau der richtige Zeitpunkt, mal wieder mit unserem Experten Matthias Schmidl, dem Leiter der Wertpapierabteilung der Sparkasse Regensburg, zu sprechen.

 

Lieber Herr Schmidl, starten wir wie immer mit einem kleinen Rückblick: Bei unserem letzten Gespräch ging es vor allem um die unerwartete Aufhebung des Schweizer Mindestkurses und den damit verbundenen Auswirkungen. Hat sich die Lage bei den Eidgenossen inzwischen etwas beruhigt?

 

Beruhigt ist hier vielleicht der falsche Ausdruck. Ich würde eher sagen, dass das Thema aus dem medialen Mittelpunkt gerückt ist. Mit den Auswirkungen haben nun die Schweizer Unternehmen zu kämpfen. Sie müssen sich mit einem sehr starken Schweizer Franken gegen ihre europäischen Mitbewerber behaupten. Erste Unternehmen haben bereits reagiert und sich auf die veränderte Situation eingestellt. So hat beispielsweise die Credit Suisse viele Arbeitsplätze von der Schweiz in Billiglohnländer verlagert.

 

Insgesamt sieht es aber so aus, dass Sie mit Ihrer Annahme eines bevorstehenden Wirtschaftsbooms in Europa goldrichtig liegen. Aber hatten Sie auch damit gerechnet, dass der DAX diesen in so kurzer Zeit mit einem Zuwachs von fast 2.000 Punkten vorwegnimmt?

 

Diese rasante Entwicklung in so kurzer Zeit (mehr als 20 Prozent seit Jahresbeginn) ist natürlich nicht gesund. Würde man diese Entwicklung fortschreiben, würden wir eine atemberaubende Jahresperformance bekommen. Aber das sind nun mal die Auswirkungen der Notenbankpolitik. Aufgrund der niedrigen, oft sogar schon negativen Zinsen wird nach alternativen Anlageformen gesucht. Und hier kommen dann die Aktienmärkte ins Spiel. Verstärkend kommt hinzu, dass viele institutionelle Investoren in Aktien unterinvestiert sind und ihre Aktienquote aufbauen müssen. Denn selbst die gesenkte Garantieverzinsung bei Lebensversicherungen erscheint bei diesem Zinsniveau ohne Beimischung von Aktien aussichtslos.

 

Ungesund klingt gefährlich!

 

Dass diese Kurssteigerungen zu schnell gehen, darüber sind sich nahezu alle Marktteilnehmer einig. Und natürlich werden wir in den nächsten Monaten auch immer wieder schwächere Börsenphasen sehen. Dazu müssen Sie wissen: Die historische Volatilität am Aktienmarkt beträgt etwa 20 Prozent. Zu ihr kehren die Märkte auch immer wieder zurück. Die Börse ist nun mal keine Einbahnstraße!

 

Ist das noch eine nachhaltige Entwicklung? Wann wird die Wolkendecke endgültig durchbrochen?

 

Wir sehen in den derzeitigen Aktienkursen keine Luftnummer. Die Unternehmen verdienen gutes Geld und die Kurs-/Gewinnverhältnisse sind im Bereich der langjährigen Durchschnitte. Das Umfeld für die europäischen Unternehmen erscheint sehr gut und lässt auf weitere Gewinnsteigerungen hoffen. Also von Bewertungsseite gibt es noch Platz nach oben.Und jetzt müssen wir nur noch ein wenig spekulieren: Was ist bei Nullzinsen beziehungsweise Negativzinsen, noch alles möglich? Ganz ehrlich: Das weiß zum heutigen Zeitpunkt kein Mensch. Aber ich überlasse es gerne Ihrer Fantasie, wie hoch die Aktienmärkte noch steigen können, wenn andererseits eine Gebühr für die Geldverwahrung erhoben wird. (zwinkert)

 

Bei aller Euphorie: Wie sieht es in Frankreich und Italien aus? Gibt es dort nach Ihren Informationen inzwischen irgendwelche Anzeichen für die Einleitung der dringend notwendigen Reformen?

 

Die Reformtätigkeit in Italien und Frankreich findet nur sehr zaghaft statt. Italien hat es mit großem Aufwand zumindest geschafft, eine Arbeitsmarktreform zu beschließen, während Frankreich lediglich mit Absichtsversprechungen auffällt. Vor dem Hintergrund einer Rekordarbeitslosenquote würde man sich hier mehr erwarten. Nichtsdestotrotz hat die EU Frankreich mehr Zeit zum Erreichen der jährlichen Neuverschuldungsgrenze eingeräumt.

 

Ist das wirklich sinnvoll?

 

Die EZB erkauft diesen beiden Staaten einerseits durch die niedrigen Zinsen Zeit, sich zu sanieren. Allerdings ermöglicht sie es ihnen aber auch, sich ohne großartige Reformen durchzumogeln. Aus dieser Sicht ist das Handeln der EZB nicht ganz unkritisch. Man muss aber auch ganz ehrlich anführen, dass auch wir in Deutschland nicht gerade mit Reformeifer ans Werk gehen. Die Mütterrente, Rente mit 63 und Mindestlohn haben eher einen kontraproduktiven Effekt. Aber gut: Wir können es uns zumindest leisten!

 

Die Frage ist, wie lange noch! Ein wichtiges Argument für den massiven Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB ist ja die angepeilte Steigerung der Inflationsrate. Können Sie als Experte bereits Anzeichen dafür erkennen, dass die Maßnahmen der EZB bereits Wirkung zeigen?

 

Ob die massiven Ankäufe von Staatsanleihen tatsächlich Auswirkungen auf die Inflationsrate haben, ist volkswirtschaftlich umstritten. Zudem läuft das Programm erst wenige Wochen und ist noch viel zu jung, um hier wirken zu können. Durch die Hintertür könnte es allerdings auch klappen. Mit dem Ankaufprogramm wurde der Euro massiv geschwächt und somit die Wettbewerbsfähigkeit Europas im Vergleich zu anderen Währungsräumen gestärkt. Führt dies zu einer erhöhten wirtschaftlichen Dynamik und somit zu einem höheren Wachstum, könnten sich hieraus auch inflationäre Tendenzen entwickeln.

 

Der „Währungskrieg“ dauert an, aber in den USA verdichten sich (wie erwartet) die Anzeichen für eine Zinswende im Herbst/Winter dieses Jahres. Welche Auswirkungen hätte ein solcher Schritt an den Börsen? Und was würde das insgesamt für die wirtschaftliche Lage in Deutschland und Europa bedeuten?

 

Ja, das ist sicherlich eines der wichtigsten Themen in diesem Jahr. Eigentlich waren viele Marktteilnehmer von einer Zinserhöhung im ersten Halbjahr 2015 in den USA ausgegangen. Mittlerweile ist man sich hier nicht mehr ganz so sicher, wann der erste Zinsschritt der FED kommt. Es gibt sogar Meinungen, die nur von marginalen Zinserhöhungen ausgehen. Gründe hierfür könnten eine nachlassende wirtschaftliche Dynamik und ein zu starker US-Dollar sein. Und zu guter Letzt darf man nicht vergessen, dass jede Zinserhöhung auch den US-Staatshaushalt belastet. Und wie bereits geschildert, lebt es sich mit einer Niedrigzinspolitik sehr viel sorgloser. Hier ist es interessant zu wissen, dass die USA mit einer Schuldenquote von 103 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wesentlich höher verschuldet sind als Frankreich und Spanien (je ca. 94 Prozent). Auch Gesamteuropa steht mit 93 Prozent des kumulierten BIPs besser da.

 

Zum Schluss noch zum Ölpreis. Er ist immer noch sehr niedrig – und es gibt sehr unterschiedliche Meinungen zu seiner weiteren Entwicklung und die genauen Gründe dafür. Auf welches Szenario setzen Sie in dieser Frage?

 

Kurzfristig sollte das Potential des Ölpreises überschaubar sein. Zu viele Argumente sprechen gegen steigende Preise. Ganz anders sieht es natürlich aus, wenn der Konflikt im Nahen Osten (Saudi-Arabien, Iran, Jemen) eskalieren sollte. Dann kommt Angst und Unsicherheit in den Markt, und dann kann es schnell einen Risikoaufschlag geben. Mittel- bis langfristig sehen wir, unabhängig von diesen Entwicklungen, wieder einen Ölpreis von 80-100 US Dollar je Barrel.

 

Lieber Herr Schmidl, wir bedanken uns wie immer für das informative Gespräch!

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